Leben
Alles kann, Nuss-Mix:
Wie wir heute lieben
Lieben ist heute anders als früher
Sarah Wagner-Borst, 21. September 2026
Früher schien der Liebes-Fahrplan des Lebens wie auf Schienen verlegt. Das Drehbuch war denkbar simpel, vorgelebt von der Familie, fest verankert im gesellschaftlichen Konstrukt: Man geht vor die Tür, trifft jemanden, verliebt sich. Es folgt der Antrag, die Hochzeit, das Haus, die Kinder, fertig. Diese klaren Strukturen gaben Halt, ließen aber wenig Raum für Abweichungen.
Doch die Schienen von damals sind längst Geschichte. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem rasanten Wandel. Normen und Werte verschieben, weiten und modernisieren sich. Und mit ihnen das gesamte Dating-Leben. Die Zeiten, in denen das klassische Mann-Frau-Schema das einzig sichtbare Modell war, sind vorbei. Heute datet sich Deutschland in all seiner Vielfalt: Frau und Frau, Mann und Mann, offene und geschlossene Beziehungen. Liebe kennt keine starren Schubladen mehr.
Auch das Ziel der Reise hat sich verändert. Die Ehe ist kein Pflichtprogramm mehr, sondern eine Option von vielen. Sogar der Ort der ersten Begegnung hat sich vom verrauchten Club oder dem Supermarktregal auf den Smartphone-Bildschirm verlagert. Dating-Apps haben die Partnersuche beschleunigt und digitalisiert. Wir haben heute mehr Freiheiten als jede Generation vor uns, doch wie datet es sich eigentlich in einer Welt, in der alles kann und nichts mehr muss?
Oder wie manch einer auf Dating-Apps sagen würde: Alles kann, Nuss-Mix.
Die Ehe ist kein Pflichtprogramm mehr, sondern eine Option von vielen
Ein Swipe und 2.500 Möglichkeiten
Ganz so neu, wie es sich anfühlt, ist die Klage über das Ende der Romantik allerdings nicht. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts empörten sich Eltern darüber, dass junge Leute sich eigenständig „verabreden“ statt sich unter Aufsicht kennenzulernen, und auch spätere Jahrzehnte brachten jeweils ihre eigene Panik vor dem vermeintlichen Niedergang der Liebe mit sich. Neu ist heute vor allem das Ausmaß: Über 2.500 verschiedene Singlebörsen und Dating-Apps konkurrieren inzwischen um deutsche Singles, vom breiten Massenmarkt bis zur Nische für Veganerinnen oder Schwaben. Rund 17 Millionen Menschen hierzulande sind Single, und für viele von ihnen ist das Smartphone längst der wichtigste Ort der Partnersuche geworden, noch vor der Kneipe oder dem Freundeskreis.
Wie stark sich das über die Generationen unterscheidet, zeigt eine aktuelle YouGov-Erhebung: Unter den 25- bis 34-Jährigen hat jede zweite Person schon einmal eine Dating-App genutzt, 18 Prozent tun das aktuell noch. Der Kontrast ist groß, bei der älteren Generation haben nicht einmal ein sechstel das Online-Dating überhaupt ausprobiert. Dating-Apps sind damit vor allem ein Projekt der Jüngeren, jener Generation, die nie eine Partnersuche ohne Wischbewegung kennengelernt hat.
„Man hält sich das offen“
Wie sich das anfühlt, beschreibt Annika, 22, aus Berlin im Gespräch sehr direkt: Auf die Frage, was ihr zum Stichwort Dating als Erstes einfällt, antwortet sie: „Hinge. Commitment Issues. Männer, die nicht kommunizieren können.“ Für sie liegt das Problem weniger an einzelnen Personen als am System dahinter: In einer Stadt wie Berlin gebe es durch Online-Dating einfach zu viel Auswahl, sagt sie. Dadurch auch das Gefühl, es könnte immer noch etwas Besseres um die Ecke warten. „Man hält sich das offen, weil man weiß, es gibt so viele Optionen.“ Das Ergebnis: Kaum jemand traut sich, früh zu sagen, was er oder sie eigentlich sucht, aus Angst, die andere Person könnte sich dann distanzieren. Am Ende bleibe man lieber vage, „casual“, und beide Seiten wüssten am Ende gar nicht, worauf sie sich da einlassen.
Wenn das Kennenlernen zur Arbeit wird
Dass genau diese Unverbindlichkeit auch psychisch an die Substanz gehen kann, bestätigt die Forschung. Johanna Degen, Sozialpsychologin an der Universität Flensburg, untersucht seit Jahren, was Dating-Apps mit dem Wohlbefinden ihrer Nutzer machen. Ihr Befund: In einer einzigen Session wischen Menschen im Schnitt rund 500-mal nach links oder rechts und treffen damit hunderte Entscheidungen in kürzester Zeit. Die schiere Menge an Auswahl überfordert und ermüdet, ein Zustand, den man treffend „Dating-App-Fatigue“ nennt. Kommt dazu noch Ghosting, also der plötzliche, unerklärte Kontaktabbruch, kann das laut Degen tief an Grundannahmen über die eigene Person rütteln. Wer keine Antwort mehr bekommt, füllt die Lücke oft mit negativen Geschichten über sich selbst.
Auch Annika kennt solche Enttäuschungen. Sie erzählt von einem Date, bei dem ihr Gegenüber sie trotz mehrfacher, klarer Absagen bedrängte, mit zu ihr nach Hause zu kommen, und von einem anderen, der den ganzen Abend über seine Ex-Freundin sprach. Geschichten wie diese, sagt sie, seien in ihrem Freundeskreis eher die Regel als die Ausnahme: „Woran auch immer das liegt, es ist wirklich bei jeder Freundin aus meinem Umkreis gleich.“
Freundschaft statt Fahrplan
Gerade weil das klassische Beziehungsmodell für sie und ihre Freundinnen so wenig funktioniert, hat sich für Annika auch das Ziel der Reise verschoben. Eine Familie zu gründen oder zu heiraten steht für sie nicht mehr im Zentrum: „Ich werde mein Leben eins zu eins so weiterführen wie davor“, sagt sie über eine mögliche Beziehung, „nur, dass ich nicht mit anderen Leuten schlafen kann.“ Wichtiger als die romantische Partnerschaft sei für sie ohnehin oft die beste Freundin, eine Beobachtung, die sich mit einem Trend deckt, den Soziolog:innen als „Dezentralisierung“ der Partnerschaft beschreiben: Immer mehr junge Erwachsene verteilen emotionale Nähe bewusst auf mehrere Menschen, statt sie allein einer romantischen Beziehung aufzubürden. Dating unterscheidet sich heute nicht nur nach Alter oder Wohnort, sondern auch nach Identität, Werten und Zielen.
Auch als bisexuelle Frau erlebt Annika das Dating-Leben als eigenes Terrain: Mit Männern zu daten empfindet sie oft als den gesellschaftlich leichteren Weg, während Gespräche mit Frauen auf Apps seltener über freundschaftliche Komplimente hinauskämen.
Freiheit mit Preis
Am Ende bleibt ein Bild, das widersprüchlicher kaum sein könnte: mehr Auswahl, mehr Offenheit, mehr Freiheit als je zuvor, aber gleichzeitig mehr Erschöpfung, mehr Unverbindlichkeit, mehr offene Fragen. Die alten Schienen mögen verschwunden sein, aber ein neuer, verlässlicher Fahrplan hat sich bislang nicht an ihre Stelle gesetzt. Vielleicht ist genau das die eigentliche Erkenntnis dieser Generation: dass Dating heute weniger eine Frage von Regeln ist als eine ständige Aushandlung zwischen dem, was alles möglich wäre, und dem, was man selbst eigentlich will. Alles kann, Nuss-Mix.