Medien
Das Unvollkommene bleibt
Warum junge Menschen wieder Filmrollen, Vinyl und Garn in die Hand nehmen und was die Sehnsucht nach dem Analogen über unser digitales Leben verrät.
Von Izadora Vianna Albernaz Pires, 5. Oktober 2026
Mirka fragt in einem Kameraladen nach einer analogen Kamera. Das Modell, das man ihr zuerst zeigt, ist viel zu teuer. Dann verschwindet der Verkäufer im Hinterraum und kommt mit einem alten Modell zurück. Er weiß nicht, ob es noch funktioniert und sie könne es einfach mitnehmen. Mirka legt einen Film ein, fotografiert, lässt ihn entwickeln. Die Kamera funktioniert! „Seitdem ist sie meine treue Begleiterin“, sagt sie.
Auf dem Smartphone wäre das Risiko kleiner gewesen. Bild ansehen, löschen, neu aufnehmen, das alles geht hundertmal, wenn nötig. Die alte Kamera dagegen gibt vorher nichts preis. Genau diese Unsicherheit wird zum Ausgangspunkt: Was reizt Menschen an Medien, die langsamer, begrenzter und unpraktischer sind?
Scrollen, bis der Kopf voll ist
Mirka studiert, die Prüfungen rücken näher. Wenn sie eine Pause braucht, landet sie manchmal auf Instagram. Nur erholt sie das nicht immer. „Wenn ich zu lange auf Instagram bin, ruht sich mein Gehirn nicht aus… Im Gegenteil!“ Zu viele Informationen hinterlassen bei ihr das Gefühl eines „vollen Kopfes“. Manchmal merkt sie, dass sie ein Video nach fünf Sekunden schon weiterschieben will. Dann hält sie an: „Das ist nicht gesund.“
Unter dem Begriff Digital Fatigue lässt sich hier die Müdigkeit und Überforderung durch viele digitale Reize, Entscheidungen und Unterbrechungen zusammenfassen. Das ist kein Beweis dafür, dass Smartphones grundsätzlich schaden. Aber es passt zu Zahlen der JIM-Studie 2025: Die befragten 12- bis 19-Jährigen verbrachten im Schnitt 231 Minuten täglich am Smartphone; 68 Prozent sagten, es falle ihnen schwer, die eigene Bildschirmzeit zu regulieren. Eine kleine randomisierte Studie mit 111 gesunden Studierenden fand zudem nach drei Wochen mit höchstens zwei Stunden Smartphonezeit pro Tag Verbesserungen bei Stress, Schlaf, Wohlbefinden und depressiven Symptomen. Die Effekte waren klein bis mittel und die Bildschirmzeit stieg danach schnell wieder an.
Prof. Dr. Carlo Michael Sommer bringt es im Gespräch auf den Punkt: Das Digitale prassle ständig auf uns ein, alles sei „immer und überall“ verfügbar und rufe permanent „Klick mich.“ Was viele Menschen im Analogen suchen, sei das genaue Gegenteil davon: die Möglichkeit, einen kleinen Bereich des Lebens selbst zu kontrollieren, bewusst zu begrenzen, auszuwählen. Der Analog-Trend wäre damit kein Widerspruch zum digitalen Alltag, sondern seine direkte Antwort.
Doch nicht nur der Wunsch nach Begrenzung macht das Analoge attraktiv. Auch Nostalgie spielt eine Rolle. Dabei geht es aber nicht immer um die eigene Kindheit: Eine analoge Kamera kann gerade deshalb faszinieren, weil sie für eine Zeit steht, in der digitale Medien noch nicht selbstverständlich waren.
36 Bilder, keine Rückgängig-Taste
Bei Mirka beginnt die Beschränkung mit einer Filmrolle. Mit dem Handy könne sie tausend Fotos machen, sagt sie. Film sei teuer und deshalb wertvoll. Auf eine Rolle passen meist 36 Bilder. Sie nimmt einige heute auf, andere erst Wochen später. Bis der Film voll, abgegeben, entwickelt und abgeholt ist, können Monate vergehen. „Man ist gezwungen zu warten.“ Wenn sie die Abzüge schließlich in der Hand hält, erinnert sie sich manchmal kaum noch an einzelne Motive. Genau diese Überraschung mag sie, auch wenn ein Bild völlig misslingen kann.
Carol kennt einen ähnlichen Reiz von ihrer Polaroidkamera. Weil die Zahl der Aufnahmen begrenzt ist, fotografiert sie bewusster. Manchmal entstehen Bilder, die dunkler, körniger oder anders gefärbt sind als erwartet. Für Carol haben sie dadurch mehr Persönlichkeit als eine perfekte Kopie der Wirklichkeit. „Das Foto ist vielleicht eine Verlängerung unserer eigenen Menschlichkeit“, sagt sie. Auch misslungene Bilder bewahrt sie auf, solange sie an den Moment, den Ort oder einen Menschen erinnern.
Das ist aktive MEdiation
Das Analoge ist dabei nicht nur langsamer, sondern körperlich. Film einlegen, Papier anfassen, Seiten umblättern, Garn zwischen den Fingern führen. „Menschen brauchen immer auch etwas zum Anfassen, zum Spüren“, sagt Sommer. Carol trägt kleine Häkel- oder Nähprojekte in der Tasche. In der Straßenbahn holt sie lieber Garn oder ein Buch heraus, statt automatisch das Handy zu öffnen. Beim Häkeln, Zeichnen oder Malen müsse sie direkt mit dem Material arbeiten und bei jedem Schritt aufmerksam bleiben. Sie nennt das „eine aktive Meditation“.
Offline, entdeckt im Feed
Der “Widerspruch” beginnt schon bei Mirka und Carol. Mirka entdeckte analoge Fotografie auf Instagram. Häkeln kennt Carol seit ihrer Kindheit, ihre Mutter hat es ihr beigebracht. Aktiv aufgegriffen hat sie es aber erst wieder durch soziale Netzwerke. Das Netz, von dem sie zeitweise Abstand suchen, liefert also Anleitung und Gemeinschaft gleich mit. Carol sieht darin nicht nur ein Problem. Wenn sie eigene Arbeiten online teilt, probieren Freundinnen danach selbst neue Materialien aus. „Das Digitale hat auch die Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen und zu inspirieren“, sagt sie.
Damit wird aus dem Gegenpol schnell ein Produkt. Wer „analoger“ leben möchte, kann Kameras, Filme, Journals, Puzzles oder Plattenspieler kaufen. Dass dahinter ein Markt steht, macht das Bedürfnis nicht automatisch unecht. Auch die Zahlen sind widersprüchlich: Nach den Marktdaten des Bundesverbands Musikindustrie legte der Vinylumsatz in Deutschland 2025 um 2,8 Prozent zu. Gleichzeitig kamen 84,4 Prozent des Musikumsatzes aus Streaming, während das physische Segment insgesamt schrumpfte. Vinyl wächst also in einer Musikwelt, die weiterhin klar digital ist.
Sommer bleibt dabei sachlich: Unternehmen beobachten, was ihre Zielgruppen bewegt, greifen Trends auf und formen sie nach ihren Vorstellungen. Das sei keine Geschichte von bösen Konzernen, das sei einfach Marktlogik. Interessanter ist aber die Frage: Wann holt eine analoge Tätigkeit die Aufmerksamkeit wirklich zurück und wann wird das Offline-Sein selbst zur Inszenierung? Carol erkennt beides in ihrem Alltag. Manche lesen oder zeigen ihre Handarbeiten nicht, weil sie es genießen, sondern weil es ein bestimmtes Bild von ihnen zeichnet. Eine weitere Performance, eine weitere Maske. “Aber dann erntet die Person doch nicht das, was sie sagt, dass sie sät, oder?”, hinterfragt sie kritisch.
Foto: Handarbeit statt Handyzeit: Carols Stickset.
Foto: Handarbeit statt Handyzeit: Carols Stickset.
Mirka hat die alte Kamera noch immer. Ihr Lieblingsfoto zeigt zwei ältere Frauen im Gespräch in einem Park, in einem ein Moment, den sie nicht planen, nicht wiederholen und nicht löschen kann. Gefunden hat sie die analoge Fotografie im Feed, geblieben ist ein Bild, auf das sie Wochen warten musste. Vielleicht liegt genau darin die Antwort auf die Frage, die am Anfang stand: Was reizt an etwas, das langsamer, begrenzter und unpraktischer ist? Das Unvollkommene bleibt.
Sommer bleibt dabei sachlich: Unternehmen beobachten, was ihre Zielgruppen bewegt, greifen Trends auf und formen sie nach ihren Vorstellungen. Das sei keine Geschichte von bösen Konzernen, das sei einfach Marktlogik. Interessanter ist aber die Frage: Wann holt eine analoge Tätigkeit die Aufmerksamkeit wirklich zurück und wann wird das Offline-Sein selbst zur Inszenierung? Carol erkennt beides in ihrem Alltag. Manche lesen oder zeigen ihre Handarbeiten nicht, weil sie es genießen, sondern weil es ein bestimmtes Bild von ihnen zeichnet. Eine weitere Performance, eine weitere Maske. “Aber dann erntet die Person doch nicht das, was sie sagt, dass sie sät, oder?”, hinterfragt sie kritisch.