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Bachelor in der Tasche, Job Fehlanzeige
Warum Emilie nach ihrem Studienabschluss in der Arbeitswelt keinen Anschluss findet
Emilie Bitch, 21. September 2026
Bild Credit und Bildunterschrift
Der Laptop ist geöffnet, das E-Mail-Postfach auch. Zwischen automatischen Eingangsbestätigungen und höflich formulierten Absagen landet wieder eine neue Bewerbung im Postausgang. Für Emilie gehört dieser Ablauf inzwischen fast zum Alltag. Die 24-Jährige aus Rodgau hat ihr Studium im Onlinejournalismus abgeschlossen – mit der Note „sehr gut“. Eigentlich müsste jetzt der nächste Schritt folgen: der Einstieg ins Berufsleben. Stattdessen beginnt für sie eine Phase, auf die sie im Studium kaum vorbereitet wurde.
Lange galt ein Hochschulabschluss als Eintrittskarte in eine sichere berufliche Zukunft. Wer mehrere Jahre studiert, gute Leistungen zeigt und praktische Erfahrungen sammelt, sollte anschließend einen passenden Arbeitsplatz finden – so zumindest die weit verbreitete Vorstellung. Doch diese Rechnung geht längst nicht mehr für alle auf. Auch Emilie erlebt, dass zwischen Bachelorzeugnis und Arbeitsvertrag oft viele Bewerbungen, lange Wartezeiten und einige Enttäuschungen liegen.
„Dass ich Journalistin werden will, habe ich relativ spät gemerkt, aber mir war eigentlich schon immer klar, dass ich im Sport arbeiten möchte“, erzählt sie. Sport begleitet sie schon seit ihrer Kindheit. Sie spielt Badminton und Volleyball und verfolgt den Fußball besonders den Frauenfußball – mit großer Begeisterung. Gleichzeitig entwickelte sich während der Schulzeit eine zweite Leidenschaft. „Dieses kreative Schreiben hat mich gereizt. Nicht diese Standard-Interpretationen oder so, sondern wirklich kreatives Ausleben in Textform.“
Die Verbindung aus Sport und Schreiben führte sie schließlich an die Hochschule Darmstadt in den Studiengang Onlinejournalismus. Schon damals stand für sie fest, dass sie später als Sportjournalistin arbeiten möchte. Während des Studiums nutzte sie deshalb jede Gelegenheit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Besonders ihre Bachelorarbeit brachte sie ihrem Traum ein Stück näher. Für einen Podcast über den Frauenfußball interviewte sie unter anderem die Sportjournalistin Annika Becker, die damalige Trainerin der Frauenmannschaft von Werder Bremen, Friederike Kromp, sowie Jennifer Zietz, Geschäftsführerin Frauenfußball bei Union Berlin. Gespräche wie diese bestätigten sie in ihrem Berufswunsch und ermöglichten ihr erste Kontakte in die Branche.
Doch selbst ein guter Abschluss, praktische Erfahrungen und ein wachsendes Netzwerk garantieren heute keinen Arbeitsplatz. Emilie arbeitet derzeit als studentische Aushilfskraft bei Soccerdonna, einer Tochter von Transfermarkt.de. Eine Festanstellung ist dort aus wirtschaftlichen Gründen momentan nicht möglich. Also schreibt sie Bewerbungen, arbeitet gemeinsam mit einem Kollegen an einem eigenen Podcast und versucht, journalistisch sichtbar zu bleiben.
Gerade im Journalismus ist der Berufseinstieg häufig schwieriger
Gerade im Journalismus ist der Berufseinstieg häufig schwieriger, als viele Studierende erwarten. Viele Redaktionen stellen ihren Nachwuchs über Volontariate ein. Diese Ausbildungsplätze sind jedoch begrenzt und entsprechend begehrt. Gleichzeitig verändert sich die Medienbranche rasant. Redaktionen müssen wirtschaftlicher arbeiten, klassische Einnahmequellen gehen zurück und digitale Formate gewinnen immer stärker an Bedeutung. Wer heute in den Journalismus einsteigen möchte, braucht deshalb häufig mehr als einen guten Studienabschluss. Praktische Erfahrungen, multimediale Fähigkeiten und Eigeninitiative gehören inzwischen fast selbstverständlich zum Anforderungsprofil.
Mit ihrer Situation steht Emilie nicht allein da. Immer mehr Hochschulabsolventinnen und Hochschulabsolventen erleben, dass ein Studienabschluss längst keine Jobgarantie mehr ist. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes schlossen allein im Prüfungsjahr 2024 rund 511.600 Menschen erfolgreich ein Studium an einer deutschen Hochschule ab. Gleichzeitig stellen viele Unternehmen aufgrund der wirtschaftlichen Unsicherheit deutlich vorsichtiger ein. Besonders Berufseinsteiger bekommen diese Entwicklung zu spüren.
Auch die Arbeitsmarktzahlen zeigen diesen Trend. Die Arbeitslosenquote von Akademikerinnen und Akademikern stieg 2025 bundesweit auf 3,3 Prozent, nachdem sie im Vorjahr noch bei 2,9 Prozent gelegen hatte. Gleichzeitig berichten viele Absolventinnen und Absolventen von monatelangen Bewerbungsphasen und zahlreichen Absagen, bevor sie überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Während Unternehmen weiterhin über Fachkräftemangel sprechen, suchen viele junge Akademikerinnen und Akademiker vergeblich nach einer ersten Festanstellung.
Jutta Rump ist Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen mit dem Forschungsschwerpunkt Trends in der Arbeitswelt. Sie sieht einen Grund für diese Entwicklung darin, dass sich die Anforderungen der Arbeitswelt deutlich schneller verändern als viele Studiengänge angepasst werden können. Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und neue Arbeitsweisen verändern Berufe innerhalb weniger Jahre. Hochschulen benötigen dagegen oft mehrere Jahre, um ihre Lehrpläne entsprechend weiterzuentwickeln. Unternehmen erwarten deshalb zunehmend konkrete Praxiserfahrungen und anwendungsbezogene Kompetenzen, die sich nicht allein durch einen Studienabschluss nachweisen lassen.
Besonders deutlich wird dabei ein Widerspruch, der viele Berufseinsteiger frustriert: Einerseits wird in Politik und Wirtschaft regelmäßig über Fachkräftemangel diskutiert, andererseits finden viele junge Menschen trotz guter Ausbildung keinen Arbeitsplatz. Tatsächlich fehlen Fachkräfte häufig in technischen, handwerklichen oder pflegerischen Berufen, während in anderen Bereichen – etwa im Journalismus – viele Bewerberinnen und Bewerber um vergleichsweise wenige Stellen konkurrieren. Für Absolventinnen und Absolventen bedeutet das, dass gute Noten allein oft nicht mehr ausreichen. Berufserfahrung, Spezialisierungen und persönliche Kontakte entscheiden immer häufiger über den Einstieg.
Auch Emilie kennt dieses Gefühl. Hinter jeder Bewerbung steckt Zeit. Lebenslauf aktualisieren, Anschreiben formulieren, Arbeitsproben auswählen und anschließend warten. Manchmal folgt eine Absage, manchmal bleibt eine Antwort ganz aus. Trotzdem denkt sie nicht daran, ihren Berufswunsch aufzugeben. „Ich möchte einfach weiter journalistisch arbeiten“, sagt sie. Deshalb nutzt sie jede Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln und eigene Projekte umzusetzen.
Ob sie in einigen Wochen oder erst in einigen Monaten ihren ersten festen Arbeitsvertrag unterschreibt, weiß sie heute noch nicht. Sicher ist nur, dass sie ihren Traum nicht aufgegeben hat. Ihr Bachelor war nie das eigentliche Ziel, sondern sollte lediglich der erste Schritt in eine journalistische Laufbahn sein. Dass zwischen Studienabschluss und Berufseinstieg heute oft mehr Hürden liegen als viele erwarten, zeigt ihre Geschichte eindrucksvoll – und sie steht damit stellvertretend für eine Generation, die trotz guter Ausbildung häufig länger um ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt kämpfen muss.