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„Wunderhübsch“ – und was kannst du sonst noch?

Für Frauen, die über Sport berichten, arbeiten in einer Branche, die noch immer stark männlich geprägt ist.

Von Nina Freudenreich 2. September 2026

Die Stimmen kommen aus der zweiten Reihe, irgendwo zwischen Stehplatz und Pressetribüne. „Wunderhübsch“ sagte der eine. „Hey pass auf, das ist doch sexistisch – nicht, dass du Stadionverbot bekommst – im Frauenfußball“, entgegnet der andere und beide lachen. Ein kurzer Moment, der vielleicht wie ein harmloser Spruch klingt. Halb ironisch, halb ernst gemeint. Für die Sportreporterin Rena Schwabl ist er trotzdem mehr als nur ein Kommentar aus dem Publikum. Beim Frauenbundesliga-Duell zwischen Eintracht Frankfurt und dem VfL Wolfsburg musste sie sich diese und weitere Bemerkungen anhören.

Es ist eine Situation, die zeigt, wie schnell sich der Blick weg vom Sport und hin zur Frau richtet, die darüber berichtet.

Später teilt Schwabl diese Erfahrung in einem Instagram-Post und macht damit ein grundlegendes Problem sichtbar: Solche Szenen sind kein Einzelfall, sie wiederholen sich für viele Frauen im Sportjournalismus Woche für Woche. Nur dass die meisten Kritiker nicht im Stadion gegenüberstehen, sondern hinter anonymen InstagramProfilen verschwinden – Profilbilder ohne Gesicht und Namen ohne Verantwortung. In den Kommentarspalten unter Reels, Posts und Livestreams fahren sie ihre Geschütze aus und kennen keine Scheu: Sie wissen alles besser und am liebsten kritisieren sie das Aussehen.

Warum sollte man auch versuchen, sich inhaltlich etwas Neues anzueignen? Viel einfacher ist es doch, die Person hinter dem Content zu beurteilen.

Für Frauen, die über Sport berichten, ist diese Erfahrung keine Ausnahme. Sie arbeiten in einer Branche, die noch immer stark männlich geprägt ist. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) waren 2024 nur 10,8 Prozent der VDS-Mitglieder Frauen. Der Anteil hat sich gegenüber früheren Erhebungen zwar erhöht, stagniert aber seit Jahren auf niedrigem Niveau.

Die Frau vor der Kamera wird also sichtbarer. Aber sichtbar zu sein bedeutet nicht automatisch, ernst genommen zu werden.

„Man merkt, dass wir Frauen noch in der Unterzahl sind“

Eine, die diese Realität aus ihrem Arbeitsalltag kennt, ist die 26-jährige Julia Kroth. Für einen großen Sport-Broadcaster steht sie hinter der Kamera ihres Smartphones. Sie managt den Social-Media-Auftritt und versorgt die Community mit Einblicken hinter die Kulissen der Champions LeagueSpiele.

„Wenn man als junge Frau in einem Verein arbeitet, kommen manchmal Kommentare wie: ‚Du machst das ja dann auch nur um jemanden kennen zu lernen, oder? ‘ Du wirst dann auch hin und wieder mal angeflirtet. Ich möchte gleichbehandelt werden und ich möchte genau die gleichen Möglichkeiten und Zugänge haben“, sagt Kroth über ihren Alltag in einer Branche, in der Frauen in der Produktion und im Sportjournalismus zwar sichtbarer werden, aber noch längst nicht selbstverständlich sind. „Man fühlt sich schon als Teil des Teams, aber man merkt auch, dass wir Frauen noch in der Unterzahl sind. Man versucht dann, ein bisschen zusammenzuhalten.“

Julia fühlt sich in ihrem Arbeitsumfeld grundsätzlich wohl. Sie sagt aber auch, dass man sich nicht alles zu Herzen nehmen soll: „Der Ton ist ein bisschen rauer, da muss man sich dann einfach dran gewöhnen. Ich bin ein sehr feinfühliger Mensch und muss manchmal ein bisschen schlucken, ich darf mich nicht zu schnell angegriffen fühlen.“

Zwischen Spielfeldrand und Kommentarspalte

Ihr Arbeitsplatz bringt sie dorthin, wo viele Fußballfans nur von Träumen können. Sie reist durch die Stadien Europas, steht nur wenige Meter vom Spielfeld entfernt und trifft internationale Fußballgrößen. Darunter Mats Hummels und Christopher Kramer – und diese beiden waren mehr als begeistert von ihrem Fußball-Wissen.

In der Kommentarspalte wird ausgiebig über den Inhalt des Videos diskutiert. Immer öfter stößt man aber auf Kommentare über Kleidung, Stimme und Aussehen.

„Die Leute geben im Internet viel mehr von sich, als sie es im Privaten tun würden. Sexistische und aufs Aussehen bezogene Kommentare bekommst du als Frau natürlich häufiger. Als Mann bekommst du aber genauso dumme Kommentare ab. Da muss man einfach drüberstehen“, so Kroth.

Ähnlich zu Rena Schwabl hat auch Julia bereits Situationen im Stadion erlebt, wo sich bei ihr plötzlich ein Gefühl von Unsicherheit auslöste: „In Turin wurde ich mal angebellt und in Liverpool sind die Pariser Fans beim Jubeln auf mich drauf gesprungen. Das war schon echt gruselig.“

Ihr Job bringt sie häufig mitten ins Geschehen. Sie steht vor Fanblöcken, bewegt sich in unmittelbarer Nähe der Spieler und versucht, möglichst unauffällig ihren Content zu produzieren. Für Kroth gilt deshalb ein einfacher Grundsatz: Je weniger Aufmerksamkeit sie auf sich zieht, desto stressfreier wird der Arbeitstag.

Genau darin liegt ein Widerspruch: Wer in den sozialen Medien postet, soll auffallen. Die Inhalte sollen gesehen, geteilt und kommentiert werden.

Für Julia Kroth sollte Folgendes daher irgendwann selbstverständlich sein:

„Dieser Grundgedanke, dass man überrascht ist, dass man als Frau in der FußballBranche oder als Frau in der Make-up Branche arbeitet, sollte mit der Zeit verschwinden. Ich würde mir wünschen, dass es einfach Normalität wird, dass man auch in einer Branche tätig sein kann, die nicht typisch fürs Geschlecht ist, beziehungsweise dass Branchen gar nicht mehr einem Geschlecht zugeordnet werden.“

Raus aus der zweiten Reihe

Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt.

Nicht jede Frau im Sportjournalismus möchte zur Botschafterin für Gleichberechtigung werden. Nicht jede Sportjournalistin möchte erklären müssen, warum sie Fußball mag. Und nicht jede Content Creatorin möchte beweisen, dass sie genug über Abseits, Transfers oder Taktiken weiß.

Die Frauen im Sportjournalismus und insbesondere Content Creatorinnen werden sichtbarer, einflussreicher und relevanter. Sie füllen eine Lücke, die klassische Berichterstattung lange offengelassen hat und sorgen für die Reichweite, die die Sportlerinnen und Sportler verdienen. Sie erzählen Geschichten: über Spielerinnen, die nebenbei studieren oder arbeiten müssen oder über Vereine mit knappen Budgets. Manche Inhalte sind kritisch, manchmal auch provokant – etwa, wenn fehlende professionelle Strukturen in der Liga thematisiert oder ungleiche Bedingungen im Vergleich zum Männerfußball offen angesprochen werden.

Und je mehr dieser Stimmen Gehör finden, desto schwieriger wird es, sie wieder zurück in die zweite Reihe zu drängen. Frauensport und Frauen im Sport sind längst keine Randthemen mehr. Content Creatorinnen und Journalistinnen, die darüber berichten, prägen inzwischen aktiv, wie diese Geschichten erzählt werden – und sie erzählen sie neu.